El Cóndor Pasa

Es war einmal ein großer Häuptling, der seinen Palast in Tiahuanaco hatte.


Einmal fuhr der Häuptling hinaus auf eine Insel des Titicacasees. Dort pflegte er den Strand entlang zu wandern. Oft setzte er sich auf einen kleinen Felsen und, den Blick in den Horizont des heiligen Sees verloren, grübelte er stundenlang nach. So war er auch diesmal tief in Gedanken versunken, als sich plötzlich der Himmel bedeckte und dein heiliger Sturm losbrach. Rasch stand er auf, Schutz suchend sah er sich um, und hatte gerade noch Zeit ein ungewohntes Bild zu sehen: mitten im Sturm ein kleines Floß, ein junges Mädchen und ein Vikunja darin. Sekunden später waren sie verschwunden. So schnell er konnte, rannte der Häuptling zum Ufer, nahm sein großes Floß und versuchte ihnen zu Hilfe zu kommen. Vergebens. Beim ersten Anlauf zerschellte das Floß am nächsten Felsen und der Häuptling hatte Mühe, sein eigenes Leben zu retten. Erschöpft lag er noch am Strand, als er in der Entfernung sah, wie die Wogen das Mädchen und das Vikunja zum Strand trieben. Einen Augenblick später lagen sie neben ihm. Der Häuptling nahm seine Kräfte zusammen und stand auf. Plötzlich hörte der Sturm auf, der Himmel öffnete sich und ließ die Sonne wieder scheinen. Vor Erstaunen erstarrt, stand der Häuptling da und betrachtete die schönste Frau, die seine Augen je gesehen hatten. Sie war tot, aber ihr schönes bronzenes Gesicht war entspannt, ruhig, ja strahlend, als sei der Tod eine Befreiung.
Der Häuptling trug das Mädchen in eine verlassene nahe gelegene Hütte und ließ in Eile alle Medizinmänner und Medizinweiber seines Reiches rufen. Alle staunten über die Schönheit der Toten. Der Häuptling versprach ihnen Gold, Silber, ganze Herden von Lamas, wenn sie das Mädchen wieder zum Leben erwecken könnten. Aber niemand vermochte es. Die Seele weigerte sich in den Körper zurückzukommen. Grenzenlos traurig ließ der Häuptling sie in eine nahe gelegene Grabhöhle tragen, schmückte sie mit einem Diadem aus Gold, das Pumaköpfe zierten, hüllte sie in das feinste Tuch aus Vikunjawolle, das je im Land der Aymaras gewebt worden war und ließ ihr das schönste Grabhaus bauen, das je am Ufer des Titicacasees errichtet wurde. Der Häuptling war fortan tief traurig und alle waren sehr betrübt ihn so zu sehen. Nun versammelten sich die Medizinmänner und Medizinfrauen des Reiches zu beraten, wie sie ihm helfen könnten. „Nur eine Frau die so schön ist wie sie , kann ihn trösten“ befanden sie und so rieten sie ihm , die schönste Frau seines Reiches suchen zu lassen.
Nun ließ der Häuptling die älteste und klügste seiner Medizinfrauen rufen und fragte sie, ob sie eine so schöne Frau gesehen habe. „Ich bin seit vielen, vielen Jahren nicht von meiner Gegend fortgekommen, und die, die schön waren, als ich in deinem Reich umherwanderte, sind es nicht mehr“ antwortete sie.“Aber wenn du willst, so werde ich meine Geister fragen, die Winde, die überall hinkommen.“ Die Alte rief die Windes zusammen, den Nordwind aus Cusco, wo die Inkas ihre Hauptstadt hatten, den Ostwind aus den Urwäldern, den Westwind vom Meer her, den kalten Südwind. Sie betrachteten das Mädchen, aber keiner hatte jemals ein so schönes Mädchen gesehen.
Nun fragte der Häuptling den ältesten und klügsten aller Medizinmänner.
„Als ich jung war, wanderte ich weit umher in diesem Lande und in fremden Ländern. Ich ging zu den Diaguitas Indianern weit im Süden, wo die Kinder in prächtigen Urnen begraben werden. Als Pilger zog ich nach Pachacamac, zum großen Tempel am großen Meer. Viele Länder habe ich gesehen, aber nie eine so schöne Frau. Befiehlst du aber, hoher Häuptling, so werde ich meine Geister befragen, die Flüsse die Bäche, die überall hingehen, in den Tälern, auf den Bergen und über das Tiefland“. So sprach der alte Medizinmann und reif seine Geister zusammen. Die Flüsse kamen. Da kamen die Geister des Anarumayu – dem Fluss der großen Schlange, die in den Gummiwäldern wohnen, die Geister des Pilcomayus – dem Fluss der Vögel und viele, viele andere. Sie kannten alle Leute, die an den Flüssen wohnten, die fleißigen Bauern, die herumstreifenden Jäger und Fischer. Sie betrachteten das tote Mädchen, aber keiner hatte jemals ein so schönes gesehen. Wieder ließ der Häuptling eine der klügsten Alten zu rufen. Sie versprach ihre Kinder zu fragen. Das waren alle Vögel des Landes. Da kamen die Kondore von den schneebedeckten Spitzen der Anden, die prächtigen Vögel des Urwalds, die nie vorher der Kälte am Ufer des Titicacasees getrotzt hatten, und viele, viele andere. Alle betrachteten das tote Mädchen, aber keiner hatte jemals ein so schönes gesehen.
Nun wusste der Häuptling, dass er niemals einen so schöne Frau finden würde. Traurig zog er sich in seinen Palast nach Tiahuanaco zurück.
Eines Tages kam nach Tiahuanaco ein alter Mann aus Cusco. Auch dieser wurde um Rat gefragt. Er hörte sich die Geschichte des Häuptlings an, saß lange schweigsam und nachdenklich und sagte dann:“Lass aus dem Schienbein des Vikunjas eine Flöte schnitzen. Wenn du auf dieser Flöte spielst, wirst du zwar nicht froh werden, aber du wirst die Trauer anders als vorher empfinden."
Der Häuptling fand den Vorschlag sonderbar, aber schließlich ging er darauf ein und bat den fremden Medizinmann, die Flöte zu schnitzen. Aber der Häuptling konnte sich nicht dazu entschließen die Flöte an seine Lippen zu führen. Eines Tages wanderte er am Ufer des Titicacasees entlang. Es war ein Sturm wie damals, als das Mädchen ertrank. Er setze sich ans Ufer, hielt die Flöte in der Hand, betrachtete sie noch eine Weile, führte sie zögernd an die Lippen. Der Wind lehrte ihn zu spielen. Von nun an spielte er sehr oft. Er tat es nie in seinem Palast oder in der Nähe von Menschenwohnungen, sondern nur wenn er einsam am Ufer des Sees oder über die weiter düstere Hochebene dahinwanderte. Der einzige, den er manchmal auf seine Spaziergänge mitnahm, war ein verwaister Knabe, der bei ihm in seinen Palast wohnte. Auf seiner Bambusflöte versuchte der Knabe zu spielen wie der Häuptling und so lernte er einige Melodien die der Häuptling spielte. Eines Tages kam ein Riesenkondor in die Nähe des Palastes, in Runden überflog er ihn mehrmals - das Zeichen einer glücklichen Nachricht. Zum ersten Mal sah man den Häuptling wieder glücklich. Er verließ seinen
Palast in Richtung des heiligen Sees. Am Abend brach ein Sturm los. Am nächsten Morgen fand man ihn tot auf dem Strand liegen. Die Flöte, die er immer bei sich gehabt hatte, war verschwunden. Neben ihm sah man Spuren von Frauenfüßen. Ihre Seele hatte die seinen geholt. Als der Häuptling tot war, wollten alle so wie er spielen lernen. Der Knabe versuchte, es ihnen bei zubringen, aber er konnte bei weitem nicht so schön spielen wie der Häuptling. Die Melodien des Häuptlings, die der Knabe kannte, lernten die Söhne von ihren Vätern.
Die Bevölkerung der Gegend erzählt, dass die Winde die Lehrmeister des Häuptlings waren und dass die Höhlen seine Melodien aufbewahrt haben. An manchen stillen Nächten in der Hochebene sollen Reisende die Melodien hören – die Melodien von El Cóndor Pasa. 

 

lago.chico

Entnommen aus Indianische Märchen aus Peru II
Verlag Libro Latino/Rául Lináre

 
 
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